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Schlagwort: Beinahekatastrophe

Bakken Gard Tag 1

Bakken Gard Tag 1

Von Mittwoch an wollten wir ja eigentlich als Hyttevakt auf eine Hütte am Lysefjord. Das fiel coronabedingt aus, aber wir haben die dann noch 2 Nächte komplett für uns mieten können, das war noch erlaubt. Ungeplanterweise war das Ganze dann etwas dramatischer als man das so möchte (auch wenn es vermutlich gleich wieder eher lustig klingt – das war es nicht) und das kam so:

Bakken Gard ist eine DNT Hütte, die auf der Nordseite vom Lysefjord liegt und nur zu Fuß oder per Boot erreicht werden kann, also echt eher ab vom Schuss. Am Mittwoch packten wir also gemütlich, kauften dem Heldenkinde noch Wanderschuhe und stellten uns dann mit dem Auto nach Sognesand an den Kai, wohin wir am Freitag dann zu Fuß zurück wollten. Von dort aus geht dann an Nicht-Feiertagen die Fähre nach Bakken und vom Bakken Kai eine halbe Stunde sehr steil den Berg hoch bis zur Hütte. Die ist auch wirklich voll schön, riesig groß und wir hatten sie ganz für uns, also echt gut.

Da das Wasser aus dem Brunnen aber nicht soooo super aussah, wollten wir vor dem Abendbrot nochmal los zum Fluss, um zu gucken ob es da besser war. Das sind nur 10 min und es ist echt ein voll schönes überwuchertes Bergtal mit ganz vielen Bächen. Hinweg alles gut, Heldenkind euphorisch, fix unterwegs und voll gut drauf. Hängebrücke über den Fluss, Hängebrücke zurück – das Kind war ein Stück voraus und ich sah es sicher am andern Ufer ankommen. Gucke kurz auf meine Füße um selbst über die Brücke zu gehen, gucke nach oben – kein Kind zu sehen. Da der Weg über einen kleinen Hügel ging dachte ich mir erstmal nichts dabei und legte nen Zahn zu. Auch hinter dem nächsten Hügel kein Kind zu sehen – da kam es mir schon langsam seltsam vor. Noch mehr beeilt, dann kam ein gerades Stück – nein, das Kind ist definitv nicht vor mir. Also mit dem Heldenmann (der kurz hinter mir war) wieder umgekehrt. Auch hinter uns nirgends ein Kind. Aufgeteilt, einer zur Hütte suchen, einer alle Nebenwege abgehen – kein Kind. Als wir zurück gehen wollten war es 6. Als wir um 7 trotz rufen (etwas sinnlos am laut rauschenden Fluss) und hektischer Suche auf allen erdenklichen Pfaden immer noch nix gefunden hatten, beschlossen wir lieber jetzt Hilfe anzufordern, bevor es so dunkel ist, das man nix mehr machen kann.

Also bin ich zurück zur Hütte wo Empfang war und der Heldenmann hat währenddessen alle Seitenpfade nochmal mit größerem Radius weiter abgesucht. Das war alles nicht sehr lustig, besonders da als Kontaktperson für die Bergrettung zu stehen und sich aus Angst davor den Empfang zu verlieren nicht von der Stelle zu rühren während man eigentlich nichts dringender will als zurück in den Wald und selbst suchen. Nach anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten mit der Notrufdame ging die Aktion dann aber sehr fix und der Hubschrauber samt Hunden und Suchtrupp war auf dem Weg, zusätzliche Freiwillige alarmiert und im letzen Rest Helligkeit suchte der Hubschrauber gerade nach einem Landeplatz (gegen halb 9 oder so – ist halt weit weg von allem) als jemand bei der Polizei anrief, dass er einen deutsch sprechenden Jungen an seiner Hütte aufgegabelt hätte. Die wohlgemerkt 3 km weit weg war… wie auch immer er da ganz hin kam! Ich glaube in meinem ganzen Leben war ich noch nie so erleichtert wie da!

Das Heldenkind wurde dann verrückterweise tatsächlich mit dem Hubschrauber abgeholt und sowohl hoch- als auch runtergewinscht, weil man nirgends so richtig landen konnte. Zu dem Zeitpunkt waren wir dann schon wieder so weit, dass der Heldenmann das zu würdigen wusste, denn schließlich war er sehr viele Jahre beim deutschen Äquivalent dieses Rettungshubschraubers der, der in solchen Situationen an der Winde hing und Kinder rettete. Das mal sein eigenes auf die Weise transportiert werden muss hatte er vermutlich nicht gedacht.

Um halb 10 und ziemlich im Dunklen hatten wir dann unser völlig fertiges und klitschnasses, aber ansonsten gänzlich unbeschadetes Heldenkind endlich wieder zurück. Ich mag gar nicht darüber nachdenken, was da alles hätte passieren können, denn nachts gab es Nachtfrost und es war halt echt schon fast dunkel als die Helfer angekommen sind. Und das Heldenkind war nicht dick angezogen. Lieber nicht drüber nachdenken…

Der Heldenmann ist dann am nächsten Tag mal den Weg zu der Hütte gegangen, wo das Heldenkind wieder aufgetaucht ist. Wir rekonstruieren uns das Ganze wie folgt: Das Heldenkind bog nach der Brückenüberquerung statt auf den Weg zur Hütte auf den Weg parallel zum Fluss ein. Wir liefen vorbei – und als wir merkten, dass er nicht vor uns war und umkehrten, hatte er seinen Irrtum auch schon bemerkt, war auch umgekehrt, aber dann aus absolut unerfindlichen Gründen nicht Richtung Hütte gegangen sondern wieder zurück über die Brücke auf die andere Seite des Flusses. Das war so in etwa der einzige Ort wo wir nicht alle Pfade abgelaufen sind, denn wir hatten ja gesehen, dass er auf der Hüttenseite des Flusses angekommen war… Keine Ahnung was (und ob überhaupt irgendwas) er sich dabei gedacht hat. Und auf der anderen Flussseite bog er dann (gut sozialisiert) auf den Pfad mit den roten T’s ab und folgte dem unverdrossen über folgende Hindernisse die der heldenmann am nächsten Tag besichtigte: Ein total überschwemmtes Sumpfgebiet, eine 4 m hohe Wand an der man hochklettern musste und einen Bach wo man über sehr weit entfernte Steine springen musste. Zu keinem Moment fiel ihm offensichtlich auf, dass er diese Hindernisse auf dem Hinweg nicht überwunden hatte. Er lief einfach stur weiter den T’s nach, 3 km über einen echt schwierigen Weg bis zur nächsten Hütte.

Ich bin sehr froh, dass wir nicht auf der Hardangervidda waren, wo die nächste Hütte 100 km weg ist….

Und selbstverständlich hatte ich mit dem Kind 8769 mal abgekaspert, was man tut, wenn man seine Eltern verliert und sich verläuft: Stehen bleiben und rufen. Nicht weiter weg gehen, weil man dann nicht gefunden werden kann. Einer sucht, einer steht – du bist der, der steht, liebes Heldenkind. Man sieht ja wie viel das alles gebracht hat.

Aber ist alles gut ausgegangen und das ist das wichtige. Ich glaube die Botschaft ist auch angekommen. Ich kaufe also nun eine Pfeife und eine Rettungsdecke, die das Kind ab jetzt immer mit nehmen muss und mit der wir täglich üben;) Anders gesagt: Einfach nur Glück gehabt.